Freunde, Bekannte und Kollegen


Wenn jemand schlecht sieht, dann hat das immer eine Auswirkung auf die zwischenmenschlichen Kontakte. Ungefähr 80 Prozent unserer Umwelt nehmen wir über die Augen wahr. Menschen mit schlechter Sicht haben daher oft weniger soziale Kontakte in der Berufs- oder Freizeitwelt, als "Normalsichtige".

Der Hauptanteil beim Entstehen und Erhalten von Kontakten zu Freunden, Bekannten oder Arbeitskollegen erfolgt über die Gesichtserkennung und das simultane Interpretieren der Mimik und Gestik des Gesprächspartners während einer Unterhaltung.

Bei Menschen mit schlechter Sicht funktioniert beides nicht so besonders gut.


Gesichtserkennung

Normalerweise kann man ein bekanntes Gesicht innerhalb von Sekundenbruchteilen dem gespeicherten Namen zuordnen. Die Gesichtserkennung funktioniert wahrscheinlich über die Berechnung und Zuordnung einer Abweichung von einem gespeicherten Mittelwert, der aus allen betrachteten Gesichtern gebildet wird.

Da Keratokonus ständig, teilweise je nach Tagesform, kleine Abweichungen in der Sicht schafft, kann hier der normale Mechanismus der Wiedererkennung mit der Berechnung der Abweichung vom einem gespeicherten Mittelwert nur zum Teil funktionieren.

Viele Betroffene haben somit das Problem Gesichter von Freunden, Bekannten oder Arbeitskollegen nur mehr oder weniger gut wiedererkennen zu können. Man geht auf der Straße an Bekannten und Freunden vorbei oder erkennt diese nicht in Restaurants oder Gaststädten. Das wird von vielen "Normal-Sichtigen" nicht verstanden und nicht akzeptiert - so oft man es auch erklärt, letztlich werden sich die meisten von der Beziehung zurückziehen.

Man kann das wohl am besten mit der Situation in einem Spiegelkabinett vergleichen, hier fällt es sehr schwer die reale Person herauszufiltern.


Gesprächsführung

Die schlechte Sicht hat ebenso Auswirkungen auf die simultane Interpretation von Gesichts- und Körpermimik sowie der Gestik von Gesprächspartnern.

Das Gehirn von Betroffenen muss, bei den vielen Abweichungen und Doppelbildern die wir sehen, sehr viel größere Datenmengen mit erheblicher Unschärferelation verarbeiten, um ein halbwegs realistisches Abbild von unserer Umwelt zu berechnen. Die Verarbeitung dieser großen, teilweise inkonsistenten Datenmengen dauert natürlich viel länger als bei Normal-Sichtigen.

Damit ist es vielleicht noch möglich, eine Unterhaltung mit einer einzelnen Person in einer ruhigen Umgebung in fast normaler Art und Weise zu führen. Aber in lauter, hektischer Umgebung, mit mehreren Ansprechpartnern und Geräuschkulisse ist es so gut wie unmöglich, die Mimik und Gestik von Einzelpersonen oder Gruppen zeitnah zu erfassen.

Als Resultat ist man dann ein "Sonderling", der in einer Unterhaltung immer mal wieder den Einsatz verpasst oder nicht merkt, wenn sich die Gesprächsrunde schon längst gedanklich mit etwas anderem beschäftigt.


Soziale Auswirkungen

Wenn Bekannte oder Freunde auf der Straße oder am Arbeitsplatz nicht wiedererkannt werden, ist das natürlich den privaten und beruflichen Kontakten nicht gerade zuträglich. Viele Betroffene wissen auch nicht, dass es da einen Zusammenhang gibt.

"Net-Working" im Privat- und Berufsleben ist für Betroffene erheblich schwerer. Man wird schnell als "sonderbar" eingeordnet.


Alternative Strategien

Die schlechte oder fehlende Gesichtserkennung zum Wiedererkennen von Personen kann durch andere Erkennungsmechanismen zum Teil ausgeglichen werden. Man kann zum Beispiel sich andere Merkmale wie die Stimme, die Haltung den Gang oder die Gestik einprägen. Auch besondere Frisuren, Brillen, Narben, etc. können helfen. Das ist natürlich schwierig in einer Welt, in der ständig die Brillengestelle und Haarfarben gewechselt werden.

Dennoch können diese Alternativen bewusst trainiert werden, um sich etwas besser in der sozialen Umgebung besser zurechtzufinden.

Schwierig bleibt auch die simultane Berechnung von Gestik und Mimik von Gesprächspartnern - da gibt es keine einfache Lösung. Einige können sicher über die Auswertung der Stimme (Klang, Geschwindigkeit, Pausenzeiten) die aktuelle Situation bewerten, aber in unserer lauten Welt ist die Schulung, Sensibilisierung des Gehörs schwierig.